Interkulturelle Freundschaften: Ein Gespräch mit Eva-Maria Noack

Eva-Maria Noack betreibt das Projekt Interkulturelle Freundschaften und engagiert sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe. Sie portraitiert Menschen, die interkulturelle Freundschaften leben und präsentiert sie auf ihrer Seite Interkulturelle Freundschaften sowie auf verschiedenen Ausstellungen.

©Fabio Borquez

Freundschaft, was ist das?

Freundschaft ist für mich zunächst mal etwas Tieferes als eine Bekanntschaft. Türken und Türkinnen zum Beispiel kennen diese Unterscheidung nicht. Für sie ist jeder ein „Freund“, mit dem sie näheren Kontakt haben. Das erstaunt mich immer wieder. Wenn sie jemanden für einige Zeit aus den Augen verloren haben, betrachten sie ihn trotzdem für immer als Freund. Vielleicht, weil sie daran gewöhnt sind, manche ihrer Freunde höchstens einmal im Jahr zu treffen. In Deutschland ist es oft so, dass man in solchen Situationen unsicher ist, ob der Andere überhaupt noch Interesse an der Freundschaft hat und sich zurückhält. So versiegen Freundschaften unter Deutschen oft nach einiger Zeit. Man sagt auch: Das finde ich sehr schade!

Was bedeutet Freundschaft für Sie persönlich?

Freundschaft ist für mich etwas sehr Wertvolles. Menschen zu kennen, denen man sich anvertrauen kann, sich gegenseitig helfen zu können ist ein Geschenk. Zusammen kann man oft viel besser lachen, weinen, Schönes erleben und Freude haben. Freundschaft ist ein sehr hohes Gut und ich wünsche allen Jugendlichen, dass sie viele Freundschaften erleben und nicht nur diese lockeren, oberflächlichen Kontakte haben, bei denen es oft um Selbstdarstellung geht. Freundschaften sind echte, mitmenschliche, tiefere Kontakte, über die man sich freut. Freunde verbringen miteinander glückliche Zeiten und erleben natürlich auch die Schattenseiten, die Freundschaften mit sich bringen können. Wenn man jemanden an sich heranlässt, macht man sich verletzbar. Dennoch: Wenn man sich darauf einlässt, kann man mehr gewinnen als verlieren. Manchmal entwickeln sich Freunde in unterschiedliche Richtungen, bis die Freundschaft oberflächlich wird und an Bedeutung verliert. Selbst wenn diese schließlich ganz einschläft, bleibt doch die wertvolle Zeit, die man früher miteinander verbracht hat.

Freundschaften muss man auf rein persönlicher Basis betrachten. Man darf sich nicht fragen, wie man vom Freund profitieren kann, oder was man dem Freund zu bieten hat. Trotz kultureller, sozialer oder Altersunterschiede ist es möglich, auf derselben Wellenlänge zu liegen. Die Gemeinsamkeiten führen einander zusammen und die Unterschiede wecken Neugierde und erfordern Verständnis; erweitern dadurch den Horizont. Im Verlauf der Zeit nehmen die Unterschiede eher zu, weil man sich näher und in unterschiedlichen Situationen kennen lernt. Das bedeutet aber nicht, dass die Freundschaft darunter leiden muss.

Bei der Eröffnung der Ausstellung „Wir sind angekommen“

Sie pflegen Freundschaften zu Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen und zu Menschen mit sehr verschiedenen Hintergründen. Inwiefern ist für Sie interkulturelle Freundschaft etwas Besonderes?

Man geht bei interkulturellen Kontakten sehr bewusst auf den anderen Menschen zu. Der Grundgedanke z.B. von „CareMigration“ ist, Migranten und Migrantinnen den unmittelbaren Kontakt zur deutschen Sprache und Kultur zu ermöglichen. Sie erhalten persönliche Einsicht in die deutsche Kultur, sie erfahren, wie die Deutschen eigentlich ticken und wie sie ihr Privatleben gestalten. Die Deutschen können etwas von ihrer Kultur weitergeben und vor allem auch von der fremden Kultur erfahren und lernen. Wenn die Wellenlänge stimmt und man sich sympathisch ist, profitieren alle davon. Der interkulturelle Kontakt sollte eine Begegnung auf Augenhöhe sein. Viele halten Menschen, die nur gebrochen Deutsch sprechen, für hilfebedürftig. Das stimmt so nicht. Die Migranten und Migrantinnen sind ja oft sehr gebildet, oder können andere Dinge, die mindestens ebenso wichtig und wertvoll sind als (noch nicht) perfekt Deutsch zu sprechen. Natürlich sind grundlegende sprachliche Kenntnisse wichtig, um sich – über Belanglosigkeiten hinaus – austauschen zu können oder Missverständnissen vorzubeugen.

Wir können sehr viel von anderen Kulturen lernen und annehmen. Die Gastfreundschaft ist ein herausragendes Beispiel. Freunde und Verwandte müssen sich bei vielen ausländischen Familien nicht anmelden, wenn sie zu Besuch kommen möchten. Man findet jederzeit eine offene Tür vor und wird freudig aufgenommen. Bei uns Deutschen ist das meistens anders. Hier muss die Wohnung aufgeräumt, das Essen vorbereitet sein und alles in den Zeitplan passen. Dieser kulturelle Unterschied ist ein Hemmnis für die Kommunikation. Syrer zum Beispiel verstehen nur aufgrund ihrer Kenntnis der deutschen Lebensweise ein „Nein“ nicht als grundlegende Ablehnung ihrer Person. Der Zeitfaktor spielt bei deutschen Frauen oft eine größere Rolle als bei einigen Frauen mit Migrationshintergrund. Menschen, die aus Kulturen stammen, in denen die Frau eine eher untergeordnete Rolle spielt oder ausschließlich im Haushalt eingebunden ist, verstehen die Situation in Deutschland nicht immer. So muss ich oft erklären, dass ich berufstätig bin und für mich selbst sorgen muss. Ich kann auch als Selbstständige nicht so einfach über meine Freizeit verfügen. Umgekehrt kann z.B. eine tamilische Frau oftmals nicht spontan einer Verabredung zusagen, ohne in der Familie nachgefragt zu haben.

Wenn man um diese Unterschiede weiß, geht man aufeinander zu und findet Wege. In einer wahren Freundschaft unterstellt keiner dem anderen böse Absichten. Man will ja zueinander finden!

Durch mein Engagement habe ich sehr viel an Lebensqualität gewonnen. Ich glaube, viele Menschen warten im Grunde nur darauf, interkulturelle Freundschaften leben zu können. Sie brauchen nur die Gelegenheiten dazu. Diese vielen kulturellen Unterschiede, die ich durch die wunderbaren Menschen kennenlernen durfte, finde ich sehr spannend. Sie bringen mich auch dazu, die eigenen Werte zu hinterfragen.

Wie sind Sie zu Ihrem Engagement gekommen?

Für mich war es eine Chance, um ein bisschen aus der damaligen Isolation herauszukommen. Ich habe lange Zeit für Verlage gearbeitet. In dieser Branche gibt es viele Veränderungen, die Arbeit ist stressig. Die Verlage werden aufgekauft, es gibt plötzliche Umstrukturierungen, der Mensch wird hin und her geschoben und bleibt manchmal auf der Strecke. Zuletzt hatte ich in einem Verlag für Lehr- und Lernmittel für Kindergärten und Schulen gearbeitet. Ich war mit Herzblut bei der Sache und es war sehr schlimm für mich, diese Arbeit nicht mehr ausführen zu können. Wie sich herausstellte, hatte ich mich jahrelang ausschließlich über die Arbeit definiert, und hatte kaum Zeit mit anderen Menschen verbringen können. Eine Freundin bot mir an, in einem multikulturellen Kindergarten in der Sprachförderung mitzuarbeiten. Dort konnte ich das Spiel, an dessen Entwicklung ich beruflich beteiligt war, einsetzen. Die kleinen Persönlichkeiten aus verschiedenen Herkunftsländern teilten mir hierbei viel über ihr Leben mit. Ich konnte mich in ihre Situation hineinversetzen.

Als ich in der Zeitung von einer interkulturellen Freundschaft gelesen hatte, die über das Projekt Patenschaften zwischen Deutschen und Migranten (heute CareMigration) entstanden war, wusste ich, dass ich eine solche Freundschaft auch erleben möchte. Zum Glück hatte ich Zeit, mich für ein interkulturelles Training anzumelden. Rückblickend betrachtet war die berufliche Krise für mich eine Chance, mein Leben zum Guten zu wenden. Vorher hatte ich auch meinen Glauben wiedergefunden. Dieses Engagement hat mich insgesamt in eine ganz andere Richtung, hin zu einem viel glücklicheren und erfüllteren Leben geführt.

Seit dem interkulturellen Training hatte ich viele Begegnungen mit Menschen aus anderen Kulturen. Ich bin viel offener geworden und gehe nun ganz leicht auf die Menschen zu, weil ich weiß: Man kann nur gewinnen, wenn man sich auf Kontakte mit Menschen einlässt. Wenn ich zum Beispiel weiß, dass die Menschen in einer türkischen Bäckerei an ihrem Feiertag arbeiten und ich ihnen einen schönen Feiertag wünsche, freuen sie sich sehr. Mit solchen kleinen Worten und Gesten kann man Menschen im Alltag glücklich machen.

Was sagen Sie Leuten, die meinen, es gäbe in Deutschland zu viele Flüchtlinge und Ausländer?

Das sagen Leute, die Angst haben. Aus Vorurteilen und Unwissenheit erwächst meistens Angst. Die Statistik zeigt sehr deutlich: In Gebieten, in denen am wenigsten Ausländer leben, ist die Angst am größten. Beispielsweise ist Ausländerhass hier in Nordrhein-Westfalen und in Städten, in denen der Ausländeranteil schon immer hoch war, kaum kein Thema. Die Menschen wissen, dass das Zusammenleben funktioniert. Damit die Menschen ihre Angst verlieren, muss man die Leute zusammenbringen. Vor allem seitens der Deutschen braucht es mehr Bereitschaft dafür. Diese kann man nicht fordern, man kann nur vorleben.

Ich versuche, mit vielen Leuten ins Gespräch zu kommen. In meiner Nähe gibt es zum Beispiel eine Containerunterkunft für Geflüchtete. Für sie organisiere ich einen „Brötchendienst“. Wenn ich die Backwaren beim Bäcker abhole, komme ich immer wieder mit Leuten ins Gespräch. Da werde ich zu den Flüchtlingen befragt: „Wie sind die denn so?“ und ich erzähle möglichst anschaulich. Daraufhin merke ich, wie die Menschen ganz still werden, sie nachzudenken beginnen. Nach terroristischen IS-Anschlägen oder auch den Ereignissen der Silvesternacht in Köln spürt man als Betreuer deutlich, wie sehr die Geflüchteten leiden. Sie wissen, dass sie mit diesen Menschen in einen Topf geworfen werden und fürchten, im Ansehen noch tiefer zu sinken. Ich erhalte von den Flüchtlingen, die schon gut Deutsch können, e-Mails, in denen sie im Namen ihrer Landsleute um Verzeihung bitten und sich rechtfertigen. Diese Nachrichten sind sehr berührend.

Ich nutze alle Gelegenheiten, in denen mir zugehört wird, für Aufklärungsarbeit. Manchmal habe ich keine Chance, weil die Menschen nicht zuhören wollen und von ihrer vorgefassten Meinung nicht abweichen wollen. Das hat dann keinen Zweck.

Wenn gesagt wird, es gebe zu viele Flüchtlinge, stellt sich immer auch die Frage, wie viel eine Gesellschaft verkraftet. Es kamen in Deutschland in zu kurzer Zeit zu viele. Darauf war hier keiner vorbereitet. Was sollte die Kanzlerin aber sonst tun? Angela Merkel hat meine Hochachtung dafür, dass sie so menschlich reagiert hat. Alle anderen Staaten haben nur zugesehen, wie die Flüchtlinge über das Meer kamen und ertranken. Wenige Länder haben tatsächlich etwas getan, damit die Tragödie im Mittelmeer verhindert werden oder die Flüchtlinge aufgenommen werden konnten. Ich bin stolz auf Deutschland. Alle können wir nicht aufnehmen, aber wir haben viele von ihnen aufgenommen. Es bestand die Hoffnung, dass andere Länder dem Beispiel Deutschlands folgen würden. Leider ist das nicht passiert. Im Gegenteil: Mehr Grenzen wurden errichtet …

Ich merke leider auch, dass Leute, die früher den Fremden ganz positiv gegenüber standen, kritischer geworden sind und die deutsche Flüchtlingspolitik in Frage stellen. Manche wollen einfach ihre Ruhe haben. Manche sind ein bisschen unentschlossen, sie lassen sich relativ leicht in die andere, rechte Richtung ziehen. Das macht mir Angst. Durch die Schwarzmalerei und die Einzelfälle, die in der Zeitung aufgeführt sind, lassen sie sich leicht beeinflussen. Selber nachzudenken scheint ihnen zu anstrengend zu sein. Jeder Mensch ist überall auf der Welt einzigartig und handelt individuell – im Guten wie manchmal auch im Bösen.
Ich las letztens einen Spruch von Monika Grütters dazu: „Wir müssen nicht die Vielfalt, sondern die Einfalt vieler Menschen fürchten.“

Einerseits engagieren Sie sich für Flüchtlinge, andererseits machen Sie diese auch durch Ihr Fotoprojekt Interkulturelle Freundschaften und eine kürzlich durchgeführte Ausstellung auf sehr persönliche Weise sichtbar. Was möchten Sie mit Ihren Fotografien erreichen?

Fotografiert habe ich schon immer. Als ich mich in dem Bereich Portraitfotografie weiterbildete, war ich davon fasziniert. Ich fand es erstaunlich, was man aus einem Gesicht herausholen kann. Ich wollte mein ehrenamtliches Engagement mit der Fotografie kombinieren und Fotos von diesen wunderschönen und manchmal auch fremdländisch aussehenden Menschen machen. Ich möchte zeigen, dass Deutsche und Ausländer befreundet sind. Als ich diese Überlegungen einmal geäußert habe, bekam ich angeboten, eine Ausstellung zu organisieren. Dieses Angebot hat mich selbstverständlich umso mehr motiviert. Während unserer Fototermine habe ich tiefe Einblicke in das Wesen der Porträtierten sowie ihrer interkulturellen Freundschaften erhalten.

Für die letzte Ausstellung sah mein Konzept von Anfang an vor, dass neben meinen Porträts der Geflüchteten auch die Arbeit der Ehrenamtler dargestellt wird und vor allem, dass die Zugezogenen eigene Fotos und Aussagen über ihr Leben dazu beisteuerten. Das ist gut gelungen.

Nun möchte ich mit Ihnen auf die gesamtgesellschaftliche Ebene wechseln. Welche Bedeutung sprechen Sie interkulturellen Freundschaften auf gesamtgesellschaftlicher Ebene zu?

Wenn man diese individuellen Freundschaften multipliziert, kann man sich vorstellen, dass die Freundschaftskreise überall weiter zu einem großen interkulturellen Netzwerk anwachsen können. Diese Menschen würden keine Angst mehr voreinander haben. Hintergründe anderer Kulturen würden bekannter, könnten nebeneinander gleichwertig, selbstbewusst und tolerant gelebt werden. Freundschaften sind unabhängig vom individuellen Glauben. Ich bin z.B. Christin und jetzt mit vielen, auch streng gläubigen Muslimen befreundet. Man kann aber weder alle Muslime noch alle Christen über einen Kamm scheren. Der Glaube spielt auch irgendwann keine Rolle mehr in der Freundschaft. Man weiß, wie der Freund oder die Freundin lebt; man weiß, welche Rolle die Religion in seinem/ihren Leben spielt. Und jemand, der selbst gläubig ist, kann am besten nachvollziehen, warum z.B. einem Moslem der Glaube so wichtig ist. Das ist ein wichtiger Punkt, den manche nicht bedenken.

Zum Schluss: Was empfehlen Sie Menschen, die anfangen möchten, interkulturelle Freundschaften zu leben?

Selbst aktiv zu werden, sich zu informieren! Es gibt in jeder Stadt, jeder Gemeinde Angebote zur Begegnung, und auch vor der eigenen Haustüre ist es möglich, z.B. auf fremde Nachbarn zuzugehen und den ersten Schritt zu tun. Es ist so schön, im Anderen die Freude darüber zu entdecken. Nur muss einer damit beginnen,

Gelegenheiten dazu zu schaffen: Ich selbst plane eine Begegnungsmöglichkeit speziell für deutsche und ausländische Jugendliche und junge Erwachsene. Es gibt da eine große Bereitschaft für gegenseitige Begegnungen.

Zugezogene sollen sich integrieren. Das können sie aber nur, wenn sie die Chance dazu auch im zwischenmenschlichen Bereich bekommen.
Vielleicht sollten wir insgesamt gastfreundlicher sein und offener aufeinander zugehen. Wir können dabei nur gewinnen. Und das Suchtpotential für diejenigen, die es ausprobiert haben, ist enorm!

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